Gedanken zu Maria II

Home Blog Beiträge Gedanken zu Maria II

Exemple

Gedanken zu Maria II

Da wegen der Pandemie die Maiandachten ausfallen, sollen an dieser Stelle im Mai Gedanken zu Maria, der Mutter des Herrn, einen Platz finden.

Als Jesus noch mit den Leuten redete, siehe, da standen seine Mutter und seine Brüder draußen und wollten mit ihm sprechen. Da sagte jemand zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen mit dir sprechen. Dem, der ihm das gesagt hatte, erwiderte er: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder? Und er streckte die Hand über seine Jünger aus und sagte: Siehe, meine Mutter und meine Brüder. Denn wer den Willen meines himmlischen Vaters tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter. (Mt 12,46-50)

Maria, die Abgewiesene

Die Begegnungen zwischen Jesus und seiner Mutter erscheinen in den Evangelien manchmal recht schroff. Beim erwähnten Zusammentreffen stellt Jesus seine Mutter auf eine Ebene mit den Jüngern: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder? …Wer den Willen meines himmlischen Vaters tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter. Nicht die Blutsverwandtschaft, sondern die Verwandtschaft im Geist zählt für ihn. Grundlage ist die Beziehung, in der ein Mensch zu Gott steht. Diese Sicht Jesu wird schon früher deutlich in der Begebenheit mit dem Zwölfjährigen im Tempel. Jesus zeigt eine Grenze auf, die seine Eltern respektieren müssen. Als Maria und Josef ihn überall suchen und schließlich im Tempel finden, überrascht er sie: „Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich im Bereich meines Vaters sein muss?“ (Lk2,49). Gott ist, der über ihn bestimmt, auf den er hören muss, weil er zu IHM gehört; er gehört nicht Maria, seiner Mutter, und nicht Josef, sondern seinem himmlischen Vater.

Ähnliches wiederholt sich bei der Hochzeit zu Kana. Auf Marias Bitte, als der Wein ausgegangen war, reagiert Jesus recht kühl: „Was ist meine Sache und was ist deine? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“ (Jo 2,4) Wieder zeigt er Maria eine Grenze auf, wenn sie sich in sein Leben einmischt, in seine Aufgaben, in sein Wirken. Was seine Aufgabe ist, empfängt er vom Vater. Und was der von ihm will, versteht nur Jesus selbst. Das unterbindet aber nicht, dass er Marias Anliegen aufgreift und für Abhilfe sorgt.

Zu allen Zeiten machen Mütter und Väter solche Erfahrungen, wenn Kinder ihre eigenen Wege zu gehen beginnen. Es ist schmerzlich für Eltern, wenn die Kinder anfangen, ihr eigenes Urteil zu bilden und Entscheidungen zu treffen. Das ist zwar hart für Eltern, aber notwendig für die Kinder. Ein junger Mann oder eine junge Frau, die immer an die Eltern gebunden bleiben, werden kaum erwachsen und eine eigene Persönlichkeit entfalten. Aber Eltern sind nun auch nicht mehr für das verantwortlich, was ihre erwachsenen Kinder tun; sie müssen es respektieren, auch wenn sie es nicht gutheißen. Aufgabe der Eltern ist es, Grundlagen zu legen; aber sie müssen die Kinder dann in die Freiheit entlassen. Der Schmerz der Loslösung kann tief gehen; aber er weist auch zugleich auf die tiefe innere Verbundenheit im Herzen hin. Denn Schmerz bereitet uns ja nur, was uns ans Herz gewachsen ist.

Es fällt auf: Jesus entscheidet und handelt in Freiheit gegenüber den Menschen. Aber er bindet seine Freiheit an Gott, seinen himmlischen Vater. „Nicht mein Wille geschehe, sondern der deine“ (Lk 22,44) betet Jesus. „Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat“ (Jo 4,34) bekennt er. Seine Jünger mahnt er: „Nicht jeder, der zu mir sagt ‚Herr, Herr!‘ wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt“ (Mt 7,21).

Das können wir im Umgang mit der Freiheit von Jesus lernen: Eine Eigenständigkeit gegenüber anderen in Freiheit gewinnen, aber diese Freiheit nicht willkürlich gebrauchen, sondern an Gottes Weisung binden. Und diese verweist uns dann wieder zurück auf unsere Mitverantwortung für die Menschen! – Eigenständigkeit zeigt sich auch darin, verantwortlich die eigene Meinung zu äußern. Wie gehen Sie mit abweichenden Meinungen um? Achten Sie einmal darauf: Wie oft sagen Leute „man“ statt „ich“, wenn sie eine Meinung äußern?

 

Jesus kam in seine Heimatstadt und lehrte die Menschen in ihrer Synagoge: Woher hat er diese Weisheit und die Machttaten? Ist das nicht der Sohn des Zimmermanns? Heißt nicht seine Mutter Maria und sind nicht Jakobus, Josef, Simon und Judas seine Brüder? … Woher also hat er das alles? (Mat 13,54f)

Maria, die Mutter

Das Bild von Maria als Mutter hat eine prägende Wirkung in der Vorstellung und in der Verkündigung hinterlassen. Als in der Dorfkirche der Prediger den Gläubigen, darunter die Mehrzahl Frauen, in leuchtenden Farben das Vorbild der Heiligen Familie vor Augen führte, seufzte eine Mutter von mehreren Kindern leise auf: „Kunststück, bei einem Kind!“

Die Geschichte Marias beginnt wie die ihres Sohnes mit dem dreißigjährigen Schweigen. Wir wissen nicht, was in diesen Jahren geschah. Wir wissen auch nicht, wann sich Maria dem Jüngerkreis anschloss. Vielleicht geschah dies später an, als wir meinen möchten. Die Evangelien jedenfalls schildern mehrere Begegnung, in denen eine deutliche Distanz zwischen Jesus und seiner Familie aufscheint.

Sicher aber gehört Maria mit den vielen anderen Frauen und Männern ihrer Zeit zu den kleinen Leuten, die in keiner Geschichtsschreibung erwähnt werden. Sie lebte in einer bäuerlichen Umwelt Galiläas. Das Leben der Menschen wurde von der römischen Besatzung bestimmt. Sie hatten Mühe um ihr tägliches Auskommen wegen der hohen Steuerlasten. Immer wieder gerieten sie auch zwischen die Fronten, wenn Aufständische (Zeloten) sich mit Überfällen gegen die Besatzung zur Wehr setzten. Diese reagierte dann mit harten Maßnahmen, die vor allem wieder die einfache Bevölkerung trafen.

Wir sehen derartige Lebensbedingungen in vielen Teilen Welt bis heute. Besonders auf den Müttern lastet dann die Angst um die Zukunft ihrer Kinder und der Familien. Die Evangelien lassen ahnen, dass Maria die Härten des Frauenlebens (er)tragen musste, so wie es den kleinen Leuten zukam: die Geburt unterwegs; das Unverständnis gegenüber einem Sohn, der eigene Wege geht; die Ohnmacht vor der brutalen Gewalt der Herrschenden gegenüber ihrem Sohn; die Trauer um den Tod Jesu und die Ächtung als Mutter eines hingerichteten Staatsfeindes, die vermutlich als Witwe allein da steht. Dass Maria daran nicht bitter wurde, sondern zur Jüngergemeinde fand, dass sie dem Evangelium glaubte, welches den Zerschlagenen gilt, das alles zeigt ihre Größe. In diesem Sinn bemerkt später Augustinus: „Maria hat den Willen des Vaters erfüllt, und darum ist es mehr, dass sie Jüngerin Christi als Mutter war.“  Maria gehörte zu den Niedrigen und Einflusslosen. Darin wird sie zur Gestalt einer Kirche, die als mütterliche Schwester auf der Seite der Kleinen stehen soll: wo Frauen im Kampf gegen Hunger und Unrecht ausgebeutet werden; wo sie um das Überleben ihrer Kinder kämpfen, auch mittels Flucht; wo, wie in Argentinien, Mütter und Großmütter in Protestmärschen nach den verschwundenen Angehörigen fragen usw.

Während die Herren der Welt im Lauf der Frömmigkeitsgeschichte Gott zu einem von ihnen gemacht hatten, holten die kleinen Leute ihn zurück im Bild Marias. Die Lücken in den Evangelien füllten sie mit frommen Legenden auf, in denen die Sehnsucht nach Gottes Nähe und Barmherzigkeit aufscheint. In Legenden schneidet sie heimlich die Gehenkten vom Galgen oder vertritt die Nonne beim Gebet, die sich anderswo vergnügt. Und immer wieder taucht sie bei den Kindern auf. In all dem scheint sie als liebende Mutter auf, die verkörpert: die Liebe ist mehr als Moral! So weist sie auf einen Gott hin, der Liebe ist und nicht Gesetz! – Suchen Sie in den kommenden Tagen nach Möglichkeiten, diese Botschaft zu bezeugen! Es wird genügend Gelegenheiten geben, fünfe gerade sein zu lassen!

 

Nach Anregungen aus folgenden Büchern:

Dickerhoff, Ich sehe dich in tausend Bildern, Würzburg 1988

M.L- Gubler, Der Name der Jungfrau war Maria, Mainz 1989

Eizinger, Mit dir, Maria, Regensburg 2/2007

Die Fotos zeigen die Marien-Figur in St. Thomas Morus in Villigst.