Gebetswoche für Europa – Kyrill und Method

Kyrill und Method (4. Juni 2024)

Vom 6. bis 9. Juni 2024 (in Deutschland am 9. Juni) wird das Europäische Parlament neu gewählt. Papst Paul VI. und Papst Johannes Paul II. haben in den Jahren 1964 bis 1999 insgesamt sechs Heilige zu Schutzpatronen Europas erklärt. Das Osteuropa-Hilfswerk der Katholischen Kirche Renovabis hat im Jahr 2013 eine Ikone in Auftrag gegeben, die alle diese Schutzpatrone zusammen zeigt. Sie stammt von der Ikonenschreiberin Hildegard Rall.
In der Woche vor der Europawahl stellen wir hier die einzelnen Frauen und Männer vor und erzählen, welche eigenen Begebenheiten wir mit ihnen erlebt, bzw. wie sie, ihre Botschaft und ihr Lebenszeugnis für uns eine besondere Bedeutung erhalten haben. Die Impulse finden Sie jeweils auf der Hauptseite der Pfarreihomepage und gesammelt auch auf dieser Seite.
Wir laden Sie ein, am Gebet für Europa teilzunehmen und in den Anliegen von Frieden, Gerechtigkeit, Versöhnung und Verständigung auf unserem Kontinent zu beten. Heute geht es um die Slawenapostel Kyrill und Method

 

Method (815-885) und Kyrill (826-869)

Als Papst Johannes Paul II. im Jahr 1980 die beiden „Slawenapostel“ Kyrill und Method, die in den östlichen orthodoxen Kirchen seit dem Mittelalter als apostelgleich besonders verehrt werden, zusätzlich zum (westkirchlichen) Heiligen Benedikt von Nursia, der diesen Titel schon seit 1964 trug, zu weiteren Patronen Europas erklärte, wollte er damit – wie er fünf Jahre später im Rundschreiben Slavorum Apostoli erläutert – „die Aufmerksamkeit der Christen und aller Menschen guten Willens, denen das Wohl, die Eintracht und die Einheit Europas am Herzen liegen, darauf lenken“, dass gerade diese drei Heiligen „konkrete Modelle und geistige Stützen für die Christen unserer Zeit und insbesondere für die Völker des europäischen Kontinents“. In dieser Dreier-Konstellation wollte der Papst deutlich machen: Europa bedarf des Dialogs zwischen Ost und West in der jeweils unterschiedlichen Prägung und der doch gemeinsamen Wurzel einer in ihrer Ausprägung vielfältigen christlichen Kultur.

Übersetzer zwischen Evangelium und Kultur(en)

Die beiden Brüder Michael (späterer Ordensname „Method“), der zunächst wie ihr Vater die militärische Beamtenlaufbahn einschlug, und Konstantin (späterer Ordensname „Kyrill“), einer der bedeutendsten und polyglotten Gelehrten seiner Zeit, wurden am Anfang des 9. Jahrhunderts in Thessaloniki im damaligen oströmischen Reich (heute: Griechenland) geboren. Beide hatten – wie man heute sagen würde – Migrationshintergrund: ihre Mutter war (wahrsch.) slawischer Herkunft. Den Hintergrund ihres Wirkens bilden die politischen Veränderungen im Europa jener Zeit: Im 9. Jahrhundert bildet sich das westslawische Mährerreich (im Gebiet des heutigen Mähren und der Slowakei) heraus. In diesem Zusammenhang spielen die beiden nicht nur religiös, sondern auch politisch und kulturell eine zentrale Rolle: Als sie zur Verkündigung des Evangeliums und zur Gründung eines von der fränkischen Vormacht unabhängigen Bistums nach Mähren gesandt werden, entwickeln sie ausgehend von dem ihnen aus ihrer Heimat bekannten slawischen Dialekt die bis heute für die slawische Ostkirche prägende Liturgiesprache (Altkirchenslawisch) und gleichzeitig damit auch für die slawische Sprache die kyrillische Schrift (eigentlich richtig: die glagolitischen Schrift). So wird der Heilige Kyrill auf der Ikone dann auch mit einer Schriftrolle mit dem kyrillischen Alphabet dargestellt im Mönchsgewand. Method trägt in der Hand die Bibel und ist als Bischof (er war Erzbischof von Pannonien und Mähren) dargestellt.

 

Kyrill und Method übersetzten also das Evangelium und den Gottesdienst – lange bevor das in der römisch-katholischen Kirche üblich wurde – in eine für die Menschen verständliche Sprache und schufen zugleich eine normative slawischen Schriftsprache: Evangelium und Kultur durchdringen sich in ihrem Wirken. Sie bieten sich den Menschen verständlich an, sodass sie in ihrer Muttersprache von Jesus hören können. Als dialogische Menschen bieten sie damit den Slawen aber nicht nur den Reichtum der byantinischen Tradition an, sie stimmen diese Entscheidung auch mit Papst Hadrian II. ab, der ihnen die Erlaubnis zur Schaffung der slawischen Liturgie gibt. In der Vielfalt der damaligen Welt und ihrer Kulturen schaffen Kyrill und Method den Balanceakt der Verkündigung der christlichen Botschaft in eine Vielfalt an kulturellen Zugängen hinein. Sie schaffen ein bereicherndes Gespräch der kulturellen Prägungen, das innovativ neue Kultur hervorbringt, die das östliche Christentum nun bereits seit über 1000 Jahren prägt.

Meine Begegnung mit der ostkirchlichen Tradition

In einer Zeit, in der manchen die Abschottung der eigenen Identität oder Prägung gegen die anderen als ein Zukunftsweg (für das eigene Land) erscheint, in der Angst vor der Andersheit der Anderen geschürt wird, scheint mir der Bedarf an derart gleichermaßen kulturell wie geistlich gegründeten aber in der Sprache des Dialogs geübten Vorbildern groß zu sein.

Hundert Jahre ist es in diesem Jahr her, dass Papst Pius XI. in seinem Schreiben „Equidam verba“ – bezogen auf die Worte „sie sollen eins seien“ aus dem hohepriesterlichen Gebet Jesu (Joh 17,21) – ermutigte, den Reichtum der ostkirchlich-slawischen Tradition neu zu entdecken und Orte zu finden, an denen der Dialog zwischen Ost und West gelebt wird. Auf diesen Aufruf reagierten u.a. die Benediktiner in Niederalteich in Niederbayern. Dort leben bis heute benediktinische (römisch-katholische) Mönche sowohl im lateinisch-westkirchlichen als auch im byzantinisch-ostkirchlichen Ritus und feiern an den Sonntagen abwechselnd in einer der beiden Traditionen gemeinsam Eucharistie. Dabei bereichern sie sich und die Gäste, die mit ihnen Gottesdienst feiern, gegenseitig mit den Schätzen beider Traditionen. In mühevoller Arbeit über Jahrzehnte haben die Mönche slawische Kirchengesänge ins Deutsche übertragen und feiern heute eine deutschsprachige Liturgie in der Tradition des slawischen Ostkirche. Und: Sie üben sich ein in den Dialog der großen christlichen Traditionen.

Ich bin dem Kloster seit vielen Jahren verbunden und verbringe jedes Jahr einige Tage dort. In der Mitfeier der Gottesdienste wird mir immer wieder deutlich, wie unvollständig und bruchstückhaft meine eigene Tradition ist, wie gut es tut, mich von Worten, Gebeten, Gesängen und Gedanken bereichern zu lassen, die mir nicht immer schon vertraut sind, sondern die mich aus einer ganz anderen Perspektive Jesus, Kirche, Glaube neu wahrnehmen lassen. Ich habe das Gefühl, dieser Ort und diese Menschen bewahren mich davor, dass mein eigenes Denken, mein Glauben und mein Beten zu hermetisch wird, zu selbstverständlich, zu „alternativlos“. Mit den Jahren ist mir vieles davon vertraut geworden, und doch überrascht mich der Ort immer wieder neu.

Orte und Menschen des Dialogs, die sich nicht von der Fremdheit des/der Anderen abhalten lassen, sondern Vielfalt und Fremdheit aushalten können, weil sie davon motiviert sind, dass bei aller wünschenswerten Unterschiedlichkeit eine grundlegende ethische und menschliche Gemeinsamkeit uns verbindet, sind für mich Zukunftsorte und Zukunftsmenschen für Europa.

Alexander Jaklitsch, Pastoralreferent

Der Gebetszettel mit den Patronen Europas liegt in den Kirchen unserer Pfarrei aus, Sie finden die Ikone und ausführliche Informationen zu den dargestellten Heiligen aber auch auf der Homepage von Renovabis.

Alle Impulse der Gebetswoche finden Sie auf einer eigenen Unterseite unserer Pfarreihomepage.